Rajasthan – auf den Spuren der Maharajas


Am letzten Tag unserer märchenhaften Reise durch Rajasthan auf den Spuren der Maharajas machten wir uns voller Vorfreude auf den Weg zum letzten Höhepunkt: dem Taj Mahal.

Durch ein Eingangstor aus rotem Sandstein erblicken wir den Taj Mahal zum ersten Mal, und für mich ist es wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt. Man hat schon so viel gehört und gelesen, so unzählige Bilder gesehen in Reiseführern und in jedem indischen Restaurant in Deutschland, dass ich auf die unverfälschte Magie dieses Anblicks nicht vorbereitet war. Im Morgenlicht, eingerahmt von der Dunkelheit des Eingangstores, unwirklich schön, eine rosig leuchtende Fata Morgana, deren schwebende Leichtigkeit für einen langen Moment auf mich überzugehen scheint.

Der Großmogul Shah Jehan ließ das wunderschöne Gebäude zum Gedenken an seine im Alter von 38 Jahren verstorbene Lieblingsfrau Mumtaz Mahal, was soviel heißt wie: “die Erwählte des Palastes”, erbauen. Den Erzählungen nach war sie gar nicht besonders schön, aber so intelligent, witzig und warmherzig, dass der Shah sie immer bei sich haben wollte und sie in allen Regierungsangelegenheiten und Rechtsfragen um Rat fragte. Sie schenkte ihm problemlos dreizehn Kinder, bei der Geburt des vierzehnten aber erlitt sie eine unstillbare Blutung. Shah Jehan war auf Reisen, als ein Bote mit der Nachricht erschien, Mumtaz läge im Sterben und verlange nach ihm. Er kam gerade noch rechtzeitig, um sie ein letztes Mal in die Arme zu schließen. Angeblich nahm sie ihm in den letzten Minuten ihres Lebens das Versprechen ab, er solle ihr ein Grabmal bauen, das ihrer großen Liebe würdig sein.

Shah Jehan war untröstlich. Er schloss sich zwei Wochen ein, verweigerte jede Nahrung und wehklagte Tag und Nacht. Dann ließ er Architekten aus dem ganzen Reich kommen und ihm Pläne vorlegen für ein Mausoleum, wie es die Welt noch nicht gesehen hätte, aber keiner war ihm einmalig und schön genug. Schließlich fand der Entwurf des Architekt Usad Ahmad aus Lahore Gnade vor seinen tränenumflorten Augen. Er hatte ein perfekt symmetrisches Bauwerk gezeichnet, ein Grabmal, das alles bis dahin Dagewesene an Schönheit und Vollkommenheit übertreffen sollte. So begann man mit dem Bau und 20.000 Arbeiter schufteten 22 Jahre lang.
Die Materialien für den Bau wurden auf Elefanten aus ganz Indien und Asien herangeschafft und mit der Zeit verschlang der Bau sämtliche Reichtümer des Herrschers. Kurz bevor das Reich in den Bankrott getrieben wurde ließ Aurangzeb, der Sohn von Shah Jahan, seinen untröstlichen Vater aufgrund der enormen Ausgaben für verrückt erklären und des Throns entheben. Shah Jahan musste seine letzten acht Lebensjahre unter “Hausarrest” in einem Fort mit Blick auf sein geliebtes Bauwerk verbringen. Nach seinem Tod zeigt sich Aurangzeb versöhnlich und ließ den Vater neben seiner so maßlos geliebten Frau in der Gruft des Taj Mahal beisetzen.

Das Mausoleum steht auf einer riesigen Marmorplattform, die man nur barfuß betreten darf. Davor wurde ein 18 Hektar großer Garten angelegt, in dessen Zentrum sich ein längliches Wasserbecken befindet. Der charakteristische Eindruck von Schwerelosigkeit und schwebender Leichtigkeit wird durch die Spiegelungen in den Wasserkanälen noch verstärkt. Wahrscheinlich ist dieser Blick der meist fotografierte in ganz Indien, unvergessen ist das Foto der traurigen Prinzessin Diana ganz alleine auf einer Marmorbank.
Die Symmetrie der Anlage ist bestechend, alle Seiten sind vollkommen identisch mit den gleichen Nischen, Gittern und Verzierungen. Die vier hohen Minarette, die das Mausoleum umgeben, sind kaum merklich nach außen geneigt, damit sie im Falle eines Erdbebens vom Hauptgebäude weg stürzen.

Der strahlend weiße Marmor des Taj ist kunstvoll verarbeitet, 28 verschiedene Arten von Edelsteinen und Halbedelsteinen wurden in den Marmor eingefügt: Achat für Pflanzenblätter und -stiele sowie Lapislazuli oder Karneol für Blüten setzen farbige Akzente.
Wir kommen aus dem Staunen und der Verzauberung nicht heraus und die zwei Stunden, die unser indischer Führer uns für unseren Rundgang gegeben hatte und die einigen viel zu lang erschienen, vergehen wie im Flug. Es fällt schwer, sich loszureißen von diesem magischen Ort voll blendender Schönheit und innerer Harmonie.
Illa Lischewski